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ASSASIN Nr. 2, Seite 3

Konzert Verriss

Das Berliner Konzertgeschehen war in den letzten 2 Monaten öde und leer. Z.B. der langerwartete Auftritt von Tuxedo Moon im Hause des Musichallkillers Klaus Wehler. 5 von teuren Drogen vollgepumpte nicht mehr ganz junge Männer zeigten die Messeneuheiten der amerikanischen Super8-Industrie im Rahmen einer CIA- und NASA-Werbeveranstaltung.
Exquisite Drogen, exquisite Kleidung, exquisite Musik, exquisite Gefühle für ein Publikum, das sich das alles ja gar nicht mehr leisten kann. Peinlich, wenn ein Berliner Arbeitsloser nicht merkt, daß er verarscht wird, wenn es versucht, sich mit den langatmigen dekadenten Kindheitserinnerungen einiger ausgeflippter Amerikaner (Die Jungs mit der Neutronenbombe) zu identifizieren. Es ist Tuxedo Moon zugutezuhalten, daß sie nicht "No Tears" spielten, das wäre der reine Etikettenschwindel gewesen.
Berlin Total Normal 21. und 22.12.82
Der erste Tag begann mit einem Langhaarigen, der auf einem Fahrrad immerhin Geräusche produzierte, und zum Schluß seines Auftritts das Publikum mit Rasierschaum besprühte. Ich sags ja immer wieder, nette Leute diese Hippys. Dann die Gruppe Tonkneter. Die Musikinstrumente dieser Experimentalisten bestehen jeweils aus einem Staubsauger und einem Gummihandschuh. Auf dem aufgeblasenen Gummihandschuh wird herumgeknetet, was tatsächlich Töne erzeugt. Wer die Geschichte der Aktionskunst des 20. Jahrhunderts studiert hat, wird begreifen, daß es nicht reicht, eine neue Idee zu haben, um ein Publikum mitzureißen. Als Yves Klein 1952 seine eigene Scheiße in Dosen abfüllen ließ, und diese dann im Rahmen einer Aktion teuer verkaufte, hatte er die Lacher auf seiner Seite. Was das Musikalische betrifft, viele interessante Geräusche, aber nach einer Viertelstunde einfach nervtötend langweilig.
Den Abschluß an diesem Abend machten Nervous Service, die dreckigen Pink-Floyd-Epigonen, schrecklich bis ganz nett, aber viel zu lang ebenfalls. Trotzdem warte ich mit Interesse auf das demnächst erscheinende Tape dieser Band.
Am zweiten Abend zwei Herren, der eine Schlagzeuger, der andere Elektroniker. Es ist nicht ganz klar, ob das nun TV Totem aus der Schweiz waren, oder wer auch immer. Ehrlich gesagt, habe ich mir auch keine Mühe gegeben, das herauszubekommen, denn die Musik war so uninteressant wie die Jahrestagung des DAF-Fanclubs.
Anschließend dann eine großangelegte Session: Frieder Butzmann, Thomas Kapielski. Großangriff auf die Seh- und Hörgewohnheiten der stumpfen Konsumenten. Bei einer Länge von über eineinhalb Stunden allerdings hätte man für bequeme Bestuhlung und gratis Kartoffelchips sorgen sollen. Trotzdem das Interessanteste an diesen zwei Tagen. Der Titel Festival allerdings war einfach zu hoch gegriffen. Zu sehr spürte man den Hauch des Verfalls durch die nur halbgefüllte Music Hall wehen.
Kaum hatte ich mich von der weihnachtlichen Mast erholt, als mich wie ein Hammerschlag traf, die Music Hall ist neu verpachtet. Keine Konzerte mehr dort. Anzeichen hatte es schon vorher gegeben, Der MH-Besitzer Wehler hatte beispielsweise darauf bestanden, statt der bisher dort beschäftigten Eingeborenen fremde Leute aus seiner Gang dort hinter den Tresen zu stellen. In 6 Monaten wurden die Bierpreise nahezu verdoppelt, aber das Schlimmste kriegten die meisten gar nicht mit. Seit Anfang Oktober wurden in der MH zivile Einsatzbeamte gesichtet. Das wäre früher völlig unmöglich gewesen. Hannover machte Schule. Für die 'Punker-Kartei' wurden gezielt Daten und Namen gesammelt.
Das mag sich so anhören, als wenn der Verlust der Music Hall gar nichts tragisches ist. In Wirklichkeit verlieren wir aber den wichtigsten Spielort für Newcomer und Avantgardebands. Monika Döring, der im Übrigen ja kein Vorwurf zu machen ist, hatte dort das interessanteste Liveprogramm Berlins auf die Beine gestellt. Und das ist jetzt schon Geschichte.
Sylvester also offizieller Abschied. Betretene Stimmung in der Garderobe, aber: The show must go on. Schöne Sylvesterstimmung grandiose Auftritte von beispielsweise Paramount Swing Orchestra und Große Freiheit. Die Comedian Harmonists, Marilyn Monroe und Lou Reed. Alle wurden an diesem Abend vor einem jubelnden Publikum durch den Kakao gezogen.
The End.
M.K.
In einer konzertarmen Zeit sind 2 Konzerte anzukündigen. Unglücklicherweise am gleichen Tag. Na, da war ja wieder mal kein dynamischer Jungmanager dran beteiligt! Im SO 36 findet ein RAUMKLANG-Konzert statt. Veranstalter ist das Kassetten-Kombinat. 360 Grad Raumbeschallung wird garantiert. Auf dem Programm stehen: TASS II, Nervous Service und Fiction. Beginn ist 21.00 und die Dauer wird 2 - zweieinhalb Stunden betragen, so daß man anschließend ins Quartier Latin gehen kann. Dort findet ein von den Musikern selbstveranstaltetes Festival mit 5 Bands statt. Schwarze Kunst, United Busen, Leben und Arbeiten, die Ichs und Flucht nach vorn werden auftreten. Beides am 25.2.!

 

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